Misteriös

… und gar plötzlich fand ich mich in einem unüberschaubaren Berg von Chaos wieder. Rätselnd, wo dieser Berg eigentlich hergekommen ist. Rätselnd, wie dieser Berg so plötzlich so groß werden konnte - und rätselnd, wie man diesen Berg wohl am besten wieder los wird.

Letzteres ist am einfachsten zu beantworten: Ich muss ausmisten. Und zwar gründlich. Gestern hab ich damit angefangen.

Nur … wo dieser ganze Mist eigentlich herkommt und warum es überhaupt so viel geworden ist - das ist eine längere Geschichte. Wie wohl auch mein dies Wochenende gestartetes “Entrümpelungs”-Projekt eine längere Geschichte zu werden verspricht

 

Mistverständnis - Ursachenforschung

Ich lebe in einer Altbau-Wohnung, die etliche Jahre lang eine WG mit mir als Hauptmieter gewesen ist. Und jeder Mitbewohner und jede Mitbewohnerin hat irgendetwas beim Auszug da gelassen. Damit wäre für einen nicht ganz unerheblichen Teil des Mistes die Herkunft geklärt.

Wenn man ein ausreichend dimensioniertes Dachboden-Abteil und eine Abstellkammer für Mist frei hat, kann’s passieren, dass man irgendwann den Überblick verliert oder verlieren will - und der Mist beginnt sich zu sammeln.

Außerdem gibt es in einigen Supermärkten praktische Plastik-Klappkisten. Die sind zu meinem spezifischen Problem geworden. In diese Kisten passt Einiges rein, diese Kisten kann man stapeln - und man kann sich denken “mach ich irgendwann mal”. Das denkt man dann Jahre lang. Solange man selbst noch Verständnis für seinen Mist aufbringen kann.

 

Mist, den keiner vermisst

Feine Sachen hab ich heute auf dem Dachboden gefunden. Von einer Schweißer-Brille über einen Plüsch-Affen in Grundschüler-Größe bis hin zu Vorlesungs-Mitschriften und unvollständigen Modellbausätzen ist so ziemlich alles dabei, was keiner mitnehmen wollte.

Natürlich auch lauter Farb- und Lackreste, denn das jetzige Wohnzimmer hat mit jedem Mitbewohner seinen Anstrich gewechselt. Dazu Spachtel, verklebte Pinsel, Farbwalzen und Farbsiebe, Schleifpapier, Tapetenreste, steinhart gewordener Fugenkitt - der übliche Umzugs-Müll also - und noch ein fast voller 50 Kilo-Sack Haftputz.

Der ist übrigens von mir höchstpersönlich und stammt aus der im Folgenden beschriebenen Gewalt-Aktion, als ich meine beiden Zimmer (jetzt: Büro) komplett neu verputzen musste und dabei mein “Klappkisten-Problem” ausgebildet hab.

 

Malern und der Mist in Kisten

Als hier neue Fenster eingebaut wurden, erschien die Gelegenheit passend, danach gleich eben alles wieder hübsch zu machen. Es musste sowieso mal gestrichen werden und die Tapete war auch nicht mehr so wirklich stabil. Beim Tapete-Abnehmen kam mir jedoch die halbe Wand entgegen. Und das, obwohl ich sie vorher mit einer Nagelrolle bearbeitet und dann nass drübergestrichen hatte.

Da war einfach nichts zu machen: Was zum Vorschein kam, glich einer Kraterlandschaft der übelsten Sorte - und so wurde aus “ein bisschen Malern” richtig viel Arbeit.

Risse in der Decke
“Unten Pfui”: Blick unter die Tapete.
Bröckelputz
Viele Schichten, keine fest.

 

Der Startschuss für das “Kisten-Elend” fiel ein paar Tage zuvor: In dunkler Vorahnung, dass ich etwas länger mit der Renovierung beschäftigt sein könnte, da grad kein Urlaub drin war und ich nicht beide Zimmer gleichzeitig machen konnte - irgendwo muss man schließlich auch schlafen - wollte ich meine Sachen (und meinen Mist) einigermaßen stabil und praktisch unterbringen.

Zu diesem Zweck hatte ich eine stattliche Menge Klappkisten im Supermarkt gekauft und mein ganzes Zeug (und meinen ganzen Mist) dort reingeräumt, um halbwegs angenehm aus dem Koffer (besser: “aus der Kiste”) leben zu können.

 

Renovieren: “Am I Living in a Box?”

Die Notlösung mit den Klappkisten war für eine Notlösung ziemlich gut: Denn anders als bei Kartons sieht man von draußen, was drin ist, man kann sie ohne Gewackel stapeln - und muss keine Angst haben, dass sie sich gegenseitig plattdrücken. Nur blöd, dass manche Provisorien einfach ein bisschen länger als geplant halten müssen.

Eigentlich selbst schuld. Ich hätte auch drauf warten können, dass ich Urlaub bekomme und außerdem die Geschichte nicht im Alleingang durchziehen müssen - Aber als die Tapete ab war, gab’s kein Zurück mehr.

  1. Umräumen: Den kompletten Inhalt des hinteren Zimmers in Klappkisten verstauen, Bett und Klappkisten vom hinteren Zimmer ins vordere Zimmer packen, alles so stapeln, dass man an die wichtigsten Sachen noch rankommt
  2. Abkleben: Durchgang mit Folie “versiegeln”, hinteres Zimmer abkleben
  3. Tapete runter: Alles mit Nagelrolle bearbeiten, nass drüberstreichen. Tapete dort ablösen, wo sie nicht eh schon fast mitsamt der Wand von selbst runtergekommen ist.
  4. Planung: Im Staubnebel den Ausgang suchen, Schock verdauen, überlegen - Beratungsgespräche im Baumarkt, Werkzeug und diverse Materialien besorgen
  5. Basis-Arbeit: Wände und Decke so lange mit Putzschleifer bearbeiten, bis nicht mehr allzu viel von selbst “runterkrümelt”. Schlauer geworden: Gegen Staubnebel hilft ein Blumensprüher. Wände und Decke abgeschliffen
    Die Wände nach dem Abschleifen.
  6. Maroden Untergrund festigen: Mit Haftgrund. Davon gibt es zwei Arten - Einmal eine Produktgruppe mit “cremiger” Konstistenz, die aber bei meinen pulverigen Wänden nicht einziehen wollte, sondern nur geklumpt hat. Es musste also die andere, die aggressivere und sehr viel dünnflüssigere Variante her. Die stinkt furchtbar - und wer es schafft, mit dem Zeug eine Zimmerdecke einzukleistern, ohne einen halben Liter davon in die Augen zu kriegen, der darf mir gerne den Trick verraten … Ach ja - zwei Schichten waren nötig.
  7. Kitten: Die größten Risse mit so einem vor-angerührten Spezial-Zeug stopfen. Recht teuer, aber hat klasse geklappt und ist nicht wieder “rausgebrochen”
  8. Verputzen Teil 1: Schwierig, schwierig, aber nicht ganz einfach - Besonders, wenn man das zum ersten Mal in seinem Leben macht. Zuerst hatte ich mir blöderweise irgendso ein “gipsiges” Zeug besorgt. Falsch beraten worden im Baumarkt. Der Kram war viel zu teuer und einfach zu “klebrig”, daher für große Flächen ungeeignet. Auch Experimente mit unterschiedlichen Mischungsverhältnissen Wasser-Putz haben nichts gebracht. Entweder ist die Masse runtergetropft oder ich musste ein Material mit der Konsistenz von Knetmasse verteilen, was ziemlich dick aufgetragen hat und irgendwie nicht wirklich glatt zu kriegen war. Dieses Zeug hab ich im zweiten Turn jedoch beim Risse-Stopfen im vorderen Zimmer benutzen können und mir das teure Spezialzeug gespart.
  9. Verputzen Teil 2: Diesmal mit den klassischen Rotband-Produkten. Das lief relativ unfallfrei, für die Decke war übrigens (überraschenderweise) eine Mischung am besten, bei der ich mir zuerst gedacht hab “Schiet, viel zu viel Wasser!” - das hat dann zwar gut “rumgesaut”, aber es ging schnell und die Schicht war regelmäßig. Fertig verputzt
    Hinteres Zimmer verputzt.
  10. Korrekturen: Dann mussten noch die “Beulen” von diesem Gips-Putz-Zeug optisch ausgeglichen werden, mit dem ich angefangen hatte, zu verputzen. Die Ränder anschleifen und dann den besseren Putz drüberschmieren. Ein bisschen kleiner ist das Zimmer dadurch zwar geworden, aber besser als ein halbes Faltengebirge in der Ostwand.
  11. Halbzeitpause: Trocknungszeit, Schutt wegräumen, Kaffeetrinken, ausschlafen
  12. Weiter geht’s: Frisch verputzte Wand nochmals abschleifen
  13. Fläche versäubern: Nochmals Haftgrund auftragen. Aber diesmal die “cremige” Variante - die für die nicht komplett hoffnungslosen Fälle geeignet ist. Kann man übrigens auch mit Wasser verdünnen - verstreicht sich leichter und bei frisch verputzten Wänden reicht das vollkommen. Man muss ja keine halbe Sahara mehr festkleben
  14. Tapezieren? Nein. Viel zu viel Aufwand! Irgendwann will man ja auch mal fertig werden. Also direkt auf den Putz streichen. Und zwar zuerst (zwei Mal) mit “Roll-Rauhfaser”. Das ist weiße Farbe mit festen “Klumpen” drin, die dem Untergrund ein bisschen Struktur geben. Vermutlich wäre Tapete billiger gewesen - die sieht außerdem auch wie Tapete aus - nur hat in diesem Altbau kein rechter Winkel wirklich 90 Grad, so dass ich mich am Ende sicherlich über lauter schief geklebte Bahnen hätte ärgern müssen.
  15. United Colors of Lessingstraße: Nochmal streichen - diesmal mit “echter” Farbe. Ich hab mir im Baumarkt einen stylischen Grün-Ton mischen lassen. Die Farbe ist zwar nicht ganz billig, deckt aber extrem gut und ist ziemlich ergiebig. Und der Hauptvorteil: Man bekommt eine Farbkarte mit und kann sich gegebenenfalls exakt dieselbe Farbe nachmischen lassen. Unerlässlich, wenn man (wie ich) gezwungen ist, “in zwei Etappen” zu renovieren.
  16. Aufräumen: Die (inzwischen sehr belastete) Folie vom Boden entfernen. Natürlich hat das ganze Leiter-Gerücke und das Drauf-Herumlaufen hat so seine Spuren hinterlassen. Dass sich Baustaub in die Holzdielen reingetreten hat, war kaum zu vermeiden.
  17. Holzboden retten: Gründlich, richtig nass und mit viel Reinigungsmittel wischen. Mehrmals. Sich dabei nicht davon irritieren lassen, dass das Putzmittel-Zeug für Holz eigentlich ungeeignet ist. Das ist Baustaub ja ebenfalls. Die Flecke, die noch übrig geblieben sind, mit grobkörnigem Schleifpapier bearbeiten.
  18. Bodenkosmetik: Wachslasur besorgen. Holla! Das Zeug war zwar (laut Packung) lebensmittelecht und für die Anwendung in Kindergärten, Schulen etc. geeignet - aber auch Natur kann übel riechen. Zwei Schichten. Zum Glück an einem Wochenende - da hab ich dann bei einem Freund übernachtet und mir etliche ibuprofens gegen Kopfschmerzen gespart.
  19. Endreinigung: Folien aus dem Durchgang entfernen und … Putzen, putzen, putzen - denn der ganze Baustaub ist trotz sorgfältiger Versiegelung nicht so ganz brav auf seiner Baustelle geblieben. Und wäre ja schade, wenn man diesen sofort wieder auf seinen neu eingelassenen Dielenboden bringen und dort festtrampeln würde …
  20. Umräumen Teil 2: Hinteres Zimmer fertig. Bett und Klappkisten vom vorderen Zimmer ins hintere Zimmer bringen. Stapeltechnik neu überdenken, denn hinteres Zimmer ist ein bisschen kleiner als das vordere. “Tetris für Erwachsene” hab ich dieses Umstapeln genannt.
  21. Da Capo: Den Durchgang zwischen beiden Zimmern diesmal noch sorgfältiger versiegeln als vorher - denn jetzt muss man ja jedesmal durch die Baustelle durch … Und dann der ganze Spaß noch einmal von vorne - mit dem vorderen Zimmer.

So etwas dauert. Denn wenn man grad keinen Urlaub hat, sondern im Gegenteil mehr Überstunden als sonstwas macht, ziehen sich solche Arbeiten hin: Alles häppchenweise in zuschlagsfreier Nachtarbeit nach Feierabend.

Fertig - Blick aufs Fenster
Hinteres Zimmer fertig.
Blick ins vordere Zimmer
Deutlich: Der “Vorher-Nachher”-Effekt

 

Dabei sollte man die “lauten” Tätigkeiten (wie z.B. Putz mit der Bohrmaschine anzurühren) aus Rücksicht auf Nachbarn und Mitbewohner vor elf Uhr abends beenden … und morgens um zwei, wenn Bier oder Material alle ist, muss man sämtliche Werkzeuge, Pinsel, Spachtel, Kellen und Walzen wieder reinigen. Dann duschen und endlich das ersehnte komatös besudelte Nirvana im Baustaub oder im Chemiedunst (in anderen Worten “schlafen”) - und am nächsten Tag wieder arbeiten gehen.

Auf die Weise reduziert sich die effektive tägliche Arbeitszeit in Sachen Renovierung natürlich erheblich, so dass ich gut zwei Monate damit beschäftigt war - und mich an Mist in Kisten gewöhnen konnte. Zudem hatte ich einige Möbelstücke entsorgt, weshalb etliche Kisten (mit nicht-Mist) nicht ausgeräumt werden konnten. Es war schlichtweg nicht genügend Regal-Platz da. Und die Kisten mit Mist wollte ich dann ausräumen, “wenn ich mal Zeit hab”. Jaja, damals … im Sommer 2004.

 

Noch mehr Mist

Und ab da ging’s immer schneller. Die Kisten wurden zur Dauerlösung und der Mist wurde nicht weniger. Irgendetwas kam immer dazwischen. Dann mal keine Lust, dann mal keine Zeit, dann mal keins von beiden.

Dann ist mein einer Rechner, an dem ich meine ganzen Keyboards etc. angeschlossen hatte, nach langen Jahren komplett kaputt gegangen und das Projekt “ich richte mir mein Heimstudio wieder ein” musste wieder auf eine etwas längere Bank geschoben und die Hardware wieder in Klappkisten verstaut werden.

Das ärgert mich überhaupt: Seit mein uralter Atari ST nicht mehr läuft, hab ich keine Musike mehr gemacht - und der alte Atari lagert (wen wundert’s) als “Mist” auf dem Dachboden. Zusammen mit lauter antiker Hardware, die einfach riesengroß ist. Außerdem in guter Gesellschaft von einem Behringer 24-Kanal-Mischpult, das nicht mehr angeht, einer Roland W-30 Workstation (mit beeindruckender 12-Bit-Qualität bei stattlichen 7 Sekunden Sampling-Zeit), drei uralten kleintastigen Yamaha-Keyboards mit minimalstem Marktwert, einer riesenhaften Midi-Patchbay mit 16 Ins und 16 Outs, einem Telefongebührenzähler, einem Verstärker und und und … und an dieser Stelle muss ich zugeben, dass ein großer Teil des Dachboden-Mistes irgendwie doch von mir ist.

Dann hatte ich wieder ganz andere Sachen um die Ohren, weil ich gerade dabei war, mich mit gunnart. selbständig zu machen. Gleichzeitig ist meine damalige Mitbewohnerin ausgezogen, und die beiden “grünen” Zimmer wurden zum Büro, so dass mal wieder umgeräumt werden musste. Und dabei auch mal wieder so Einiges in den berühmten Klappkisten gelandet ist - darauf wartend in noch nicht gekaufte Möbel eingeräumt zu werden.

Dann hatte ich endlich neue Schränke gekauft - und konnte meinen alten Kleiderschrank leer räumen, so dass ich wieder viel Platz für Mist hatte. Platz, der auch nötig war, denn inzwischen hatte ich nicht nur neue Schränke, sondern auch eine neue Kaffeemaschine, einen neuen Wasserkocher, einen neuen Toaster … und daher auch eine alte Kaffeemaschine, einen alten Wasserkocher und einen alten Toaster. Und immer noch genügend Klappkisten.

 

Mistsichtung

Durchweg ist der Mist kein Müll. Aber es ist erdrückend viel, außerdem nicht mehr in Gebrauch oder unnötig geworden - und eben durch die bloße Quantität und seinen Platzbedarf einfach Mist. Allein die reine Bestands-Aufnahme wird noch gut Zeit in Anspruch nehmen.

Es sind lauter Dinge, die zumindest ich irgendwie doch nicht gebrauchen kann. Beispielsweise das Billig-Zeichentablett, das nicht mit den Programmen zusammenspielt, mit denen ich arbeite. Oder es sind Dinge, die man deswegen nicht verkaufen will, weil man nicht weiß, ob sie überhaupt noch funktionieren. Wie z.B. der eine gebraucht gekaufte Router, der einfach nicht mit AOL laufen will. Oder es sind Dinge, die man als Ersatz für den Notfall behalten möchte. Wie z.B. das alte Handy.

Kurz: Mein persönlicher Mist sind eben die Dinge, die man normalerweise in einer Klappkiste auf den Dachboden bringen würde. Wenn dort noch Platz wäre.

Und wenn man sich nicht vorgenommen hätte, endlich mal gründlich auszumisten.