Sonntag, 19. November 2006 Druck-Ansicht
… und gar plötzlich fand ich mich in einem unüberschaubaren Berg von Chaos wieder. Rätselnd, wo dieser Berg eigentlich hergekommen ist. Rätselnd, wie dieser Berg so plötzlich so groß werden konnte - und rätselnd, wie man diesen Berg wohl am besten wieder los wird.
Letzteres ist am einfachsten zu beantworten: Ich muss ausmisten. Und zwar gründlich. Gestern hab ich damit angefangen.
Nur … wo dieser ganze Mist eigentlich herkommt und warum es überhaupt so viel geworden ist - das ist eine längere Geschichte. Wie wohl auch mein dies Wochenende gestartetes “Entrümpelungs”-Projekt eine längere Geschichte zu werden verspricht
Ich lebe in einer Altbau-Wohnung, die etliche Jahre lang eine WG mit mir als Hauptmieter gewesen ist. Und jeder Mitbewohner und jede Mitbewohnerin hat irgendetwas beim Auszug da gelassen. Damit wäre für einen nicht ganz unerheblichen Teil des Mistes die Herkunft geklärt.
Wenn man ein ausreichend dimensioniertes Dachboden-Abteil und eine Abstellkammer für Mist frei hat, kann’s passieren, dass man irgendwann den Überblick verliert oder verlieren will - und der Mist beginnt sich zu sammeln.
Außerdem gibt es in einigen Supermärkten praktische Plastik-Klappkisten. Die sind zu meinem spezifischen Problem geworden. In diese Kisten passt Einiges rein, diese Kisten kann man stapeln - und man kann sich denken “mach ich irgendwann mal”. Das denkt man dann Jahre lang. Solange man selbst noch Verständnis für seinen Mist aufbringen kann.
Feine Sachen hab ich heute auf dem Dachboden gefunden. Von einer Schweißer-Brille über einen Plüsch-Affen in Grundschüler-Größe bis hin zu Vorlesungs-Mitschriften und unvollständigen Modellbausätzen ist so ziemlich alles dabei, was keiner mitnehmen wollte.
Natürlich auch lauter Farb- und Lackreste, denn das jetzige Wohnzimmer hat mit jedem Mitbewohner seinen Anstrich gewechselt. Dazu Spachtel, verklebte Pinsel, Farbwalzen und Farbsiebe, Schleifpapier, Tapetenreste, steinhart gewordener Fugenkitt - der übliche Umzugs-Müll also - und noch ein fast voller 50 Kilo-Sack Haftputz.
Der ist übrigens von mir höchstpersönlich und stammt aus der im Folgenden beschriebenen Gewalt-Aktion, als ich meine beiden Zimmer (jetzt: Büro) komplett neu verputzen musste und dabei mein “Klappkisten-Problem” ausgebildet hab.
Als hier neue Fenster eingebaut wurden, erschien die Gelegenheit passend, danach gleich eben alles wieder hübsch zu machen. Es musste sowieso mal gestrichen werden und die Tapete war auch nicht mehr so wirklich stabil. Beim Tapete-Abnehmen kam mir jedoch die halbe Wand entgegen. Und das, obwohl ich sie vorher mit einer Nagelrolle bearbeitet und dann nass drübergestrichen hatte.
Da war einfach nichts zu machen: Was zum Vorschein kam, glich einer Kraterlandschaft der übelsten Sorte - und so wurde aus “ein bisschen Malern” richtig viel Arbeit.

“Unten Pfui”: Blick unter die Tapete.
Viele Schichten, keine fest.
Der Startschuss für das “Kisten-Elend” fiel ein paar Tage zuvor: In dunkler Vorahnung, dass ich etwas länger mit der Renovierung beschäftigt sein könnte, da grad kein Urlaub drin war und ich nicht beide Zimmer gleichzeitig machen konnte - irgendwo muss man schließlich auch schlafen - wollte ich meine Sachen (und meinen Mist) einigermaßen stabil und praktisch unterbringen.
Zu diesem Zweck hatte ich eine stattliche Menge Klappkisten im Supermarkt gekauft und mein ganzes Zeug (und meinen ganzen Mist) dort reingeräumt, um halbwegs angenehm aus dem Koffer (besser: “aus der Kiste”) leben zu können.
Die Notlösung mit den Klappkisten war für eine Notlösung ziemlich gut: Denn anders als bei Kartons sieht man von draußen, was drin ist, man kann sie ohne Gewackel stapeln - und muss keine Angst haben, dass sie sich gegenseitig plattdrücken. Nur blöd, dass manche Provisorien einfach ein bisschen länger als geplant halten müssen.
Eigentlich selbst schuld. Ich hätte auch drauf warten können, dass ich Urlaub bekomme und außerdem die Geschichte nicht im Alleingang durchziehen müssen - Aber als die Tapete ab war, gab’s kein Zurück mehr.


So etwas dauert. Denn wenn man grad keinen Urlaub hat, sondern im Gegenteil mehr Überstunden als sonstwas macht, ziehen sich solche Arbeiten hin: Alles häppchenweise in zuschlagsfreier Nachtarbeit nach Feierabend.

Hinteres Zimmer fertig.
Deutlich: Der “Vorher-Nachher”-Effekt
Dabei sollte man die “lauten” Tätigkeiten (wie z.B. Putz mit der Bohrmaschine anzurühren) aus Rücksicht auf Nachbarn und Mitbewohner vor elf Uhr abends beenden … und morgens um zwei, wenn Bier oder Material alle ist, muss man sämtliche Werkzeuge, Pinsel, Spachtel, Kellen und Walzen wieder reinigen. Dann duschen und endlich das ersehnte komatös besudelte Nirvana im Baustaub oder im Chemiedunst (in anderen Worten “schlafen”) - und am nächsten Tag wieder arbeiten gehen.
Auf die Weise reduziert sich die effektive tägliche Arbeitszeit in Sachen Renovierung natürlich erheblich, so dass ich gut zwei Monate damit beschäftigt war - und mich an Mist in Kisten gewöhnen konnte. Zudem hatte ich einige Möbelstücke entsorgt, weshalb etliche Kisten (mit nicht-Mist) nicht ausgeräumt werden konnten. Es war schlichtweg nicht genügend Regal-Platz da. Und die Kisten mit Mist wollte ich dann ausräumen, “wenn ich mal Zeit hab”. Jaja, damals … im Sommer 2004.
Und ab da ging’s immer schneller. Die Kisten wurden zur Dauerlösung und der Mist wurde nicht weniger. Irgendetwas kam immer dazwischen. Dann mal keine Lust, dann mal keine Zeit, dann mal keins von beiden.
Dann ist mein einer Rechner, an dem ich meine ganzen Keyboards etc. angeschlossen hatte, nach langen Jahren komplett kaputt gegangen und das Projekt “ich richte mir mein Heimstudio wieder ein” musste wieder auf eine etwas längere Bank geschoben und die Hardware wieder in Klappkisten verstaut werden.
Das ärgert mich überhaupt: Seit mein uralter Atari ST nicht mehr läuft, hab ich keine Musike mehr gemacht - und der alte Atari lagert (wen wundert’s) als “Mist” auf dem Dachboden. Zusammen mit lauter antiker Hardware, die einfach riesengroß ist. Außerdem in guter Gesellschaft von einem Behringer 24-Kanal-Mischpult, das nicht mehr angeht, einer Roland W-30 Workstation (mit beeindruckender 12-Bit-Qualität bei stattlichen 7 Sekunden Sampling-Zeit), drei uralten kleintastigen Yamaha-Keyboards mit minimalstem Marktwert, einer riesenhaften Midi-Patchbay mit 16 Ins und 16 Outs, einem Telefongebührenzähler, einem Verstärker und und und … und an dieser Stelle muss ich zugeben, dass ein großer Teil des Dachboden-Mistes irgendwie doch von mir ist.
Dann hatte ich wieder ganz andere Sachen um die Ohren, weil ich gerade dabei war, mich mit gunnart. selbständig zu machen. Gleichzeitig ist meine damalige Mitbewohnerin ausgezogen, und die beiden “grünen” Zimmer wurden zum Büro, so dass mal wieder umgeräumt werden musste. Und dabei auch mal wieder so Einiges in den berühmten Klappkisten gelandet ist - darauf wartend in noch nicht gekaufte Möbel eingeräumt zu werden.
Dann hatte ich endlich neue Schränke gekauft - und konnte meinen alten Kleiderschrank leer räumen, so dass ich wieder viel Platz für Mist hatte. Platz, der auch nötig war, denn inzwischen hatte ich nicht nur neue Schränke, sondern auch eine neue Kaffeemaschine, einen neuen Wasserkocher, einen neuen Toaster … und daher auch eine alte Kaffeemaschine, einen alten Wasserkocher und einen alten Toaster. Und immer noch genügend Klappkisten.
Durchweg ist der Mist kein Müll. Aber es ist erdrückend viel, außerdem nicht mehr in Gebrauch oder unnötig geworden - und eben durch die bloße Quantität und seinen Platzbedarf einfach Mist. Allein die reine Bestands-Aufnahme wird noch gut Zeit in Anspruch nehmen.
Es sind lauter Dinge, die zumindest ich irgendwie doch nicht gebrauchen kann. Beispielsweise das Billig-Zeichentablett, das nicht mit den Programmen zusammenspielt, mit denen ich arbeite. Oder es sind Dinge, die man deswegen nicht verkaufen will, weil man nicht weiß, ob sie überhaupt noch funktionieren. Wie z.B. der eine gebraucht gekaufte Router, der einfach nicht mit AOL laufen will. Oder es sind Dinge, die man als Ersatz für den Notfall behalten möchte. Wie z.B. das alte Handy.
Kurz: Mein persönlicher Mist sind eben die Dinge, die man normalerweise in einer Klappkiste auf den Dachboden bringen würde. Wenn dort noch Platz wäre.
Und wenn man sich nicht vorgenommen hätte, endlich mal gründlich auszumisten.
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